Das Seebad Donostia-San Sebastian setzt sich gegen spanische Städte wie Cordoba, Saragossa, Las Palmas, Burgos und Segovia durch.
Mit der polnischen Stadt Wrocław (Breslau) wird sich die mondäne baskische Donostia-San Sebastian 2016 den Titel “Kulturhauptstadt Europas” teilen. Das Verdikt der Auswahlkommission gab der Österreicher Manfred Gaulhofer am Dienstag in der spanischen Hauptstadt Madrid bekannt. “Ich gratuliere Donostia-San Sebastián und hoffe, dass die Stadt diese einzigartige Chance nutzen wird, um langfristig einen spürbaren kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gewinn für Stadt und Umland zu erzielen“, erklärte aus Brüssel die für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend zuständige EU-Kommissarin Androulla Vassiliou.
Die Freude im Baskenland ist enorm, denn bis zum 22. Mai waren viele davon ausgegangen, dass das Seebad den Titel erhalten würde. Donostia, wie die Basken die Stadt nennen, sticht durch sein breites kulturelles Leben hervor. Das bedeutendste Filmfestival im spanischen Staat, das “Zinemaldia”, findet nicht in der Hauptstadt Madrid statt, sondern in dem Seebad mit 200.000 Einwohnern und herrlichen Stränden, in der die älteste Sprache Europas, das Euskara (baskisch), gesprochen wird.
Doch das sind nicht die einzigen Gründe, die viele Menschen anlocken. Vor allem Gourmets zieht es in die Pintxo-Hauptstadt. Hier konzentrieren sich so viele Michelin-Sterne auf engstem Raum, wie sonst weltweit nirgends. Dazu kommen weitere Kultur, Film-, Musikfestivals, wie das “Jazzaldia”. Dabei traten schon Bob Dylan, Patty Smith und andere umsonst und draußen vor Zehntausenden am Zurriola-Strand neben dem “Kursaal” auf. Dazu kommen zahllose Basisinitiativen, die sich der baskischen Sprache und Kultur widmen. Es ist ein Ziel, mit der Kulturhauptstadt diese Initiativen zu unterstützen und die Beteiligung der Bevölkerung zu fördern.
Aber als mit der Koalition “Bildu” (Sammeln) bei den Wahlen am 22. Mai erstmals die linke baskische Unabhängigkeitsbewegung das Bürgermeisteramt und die Provinzregierung übernahm, sahen viele die Chancen auf die Kulturhauptstadt schwinden. Doch der neue Bürgermeister Koldo Izagirre machte schnell klar, dass ein neuer Wind im Land weht. Er holte sofort seinen Vorgänger Odon Elorza ins Bewerberteam, der das Projekt vorangetrieben hatte. Er machte deutlich, dass in Donostia gemeinsam über alle Grenzen hinweg für das Projekt gestritten wird.
Ein scheinbares Handicap wurde zum Vorteil. So hat auch die unabhängige Jury neben dem kulturellen Angebot auch den Einsatz für eine Friedenslösung gewürdigt. Für sie erklärte Gaulhofer, dass die Jury “verstanden hat, dass es eine klare Erwartung gibt, dass die Stadt, welche die Kultur repräsentiert, dazu beitragen kann, die Gewalt im Baskenland zu stoppen.” Schließlich ist auch Bildu für den kompromisslosen Einsatz für eine Friedenslösung gewählt worden und will daneben die baskische Kultur und Sprache besonders fördern. Die Koalition hat die Untergrundorganisation ETA zur längsten Waffenruhe in deren 50-jährigen Geschichte gebracht, die von einer internationalen Beobachtergruppe überwacht wird.
Gaulhofer erklärte, Besuche in den letzten Wochen seien entscheidend für die Wahl gewesen. Man habe die “Verpflichtung” gespürt, “über den Weg der Kultur” dazu beizutragen, die “lange Geschichte des Konflikts und der Gewalt” zu überwinden. Das lässt sich ablesen an der Offenheit, mit der Bildu den Ex-Bürgermeister in das Team geholt hat, obwohl dessen Sozialisten (PSOE) von Bildu bei der letzten Wahl geschlagen wurden, ausgerechnet von der Formation, die Elorzas PSOE-Parteifreunde in der spanischen Regierung als angebliche ETA-Unterstützer verbieten ließ.
Nun freute sich Elorza mit Izagirre über die Wahl. Elorza sprach auf Baskisch und Spanisch von der Hoffnung, dass über das Projekt auch die “politische Normalisierung” gefördert wird, weil es verschiedenste Ideologien zusammenbringe. “Der Beweis dafür ist, dass hier alle Parteien vertreten sind”, fügte er in Madrid an. Wenn das spanische Verfassungsgericht das Verbot von Bildu nicht kurz vor den Wahlen gekippt hätte, wäre das unmöglich gewesen.
Spanien zeigt sich aber als sehr schlechter Verlierer, angesichts der Tatsache, dass 14 spanische Städte, in der Endauswahl Cordoba, Saragossa, Las Palmas und Burgos und Segovia, ausgestochen wurden. Es ist aussagekräftig, dass alle sechs Jurymitglieder, die vom spanischen Kultusministerium in das Gremium entsandt wurden, gegen Donostia gestimmt haben. Die scheiterten aber an den sieben EU-Teilnehmern, die sich einstimmig für die Baskenmetropole ausgesprochen haben und damit überstimmt wurden.
Besonders scharf äußerte sich Juan Alberto Belloch. Der frühere Innenminister, Bürgermeister von Saragossa, sprach von einer “völlig unsinnigen Entscheidungen, für welche die Jury noch Zeit zur Reue haben wird”. Der Parteifreund von Ex-Bürgermeister Elorza hätte es vorgezogen, “dass irgend eine andere Stadt gewinnt”, der Saragossa “die volle Unterstützung” gewährt hätte. Er will sogar die Entscheidung anfechten. Ähnlich nationalistisch äußerte sich auch Umweltministerin Rosa Aguilar (PSOE). Die Ex Bürgermeisterin von Cordoba, erst kürzlich von der Vereinten Linken(IU) zur PSOE übergetreten, bezeichnete die Wahl einen “herrlichen Fehler” und eine “eindeutige Ungerechtigkeit”. Offenbar verwinden es viele nicht, dass die Basken deutlich besser durch die Wirtschaftskrise kommen, die Arbeitslosenquote nicht einmal halb so hoch wie im Rest des Landes, und sie nun 2016 auch noch Kulturhauptstadt Europas werden.
© Ralf Streck, Donostia-San Sebastian den 29.06.2011

